Städtische Dichte in Pandemiezeiten

„Wir brauchen mehr grünen öffentlichen Raum in unseren Städten!“ – Eine Frage der Gerechtigkeit. Wie hat sich die Pandemie auf die Debatte um das richtige Maß von städtischer Dichte ausgewirkt? Die Story verdeutlicht die Bedeutung von Grünräumen in Zeiten der Pandemie.

Bereits seit Beginn der Corona-Pandemie wird intensiv diskutiert, wie sich die Pandemie auf Stadtentwicklung auswirkt. In der aktuellen Diskussion taucht immer wieder die Frage auf, inwieweit städtische Dichte die Verbreitung des Virus begünstigt oder sogar erklärt (Siedentop und Zimmer-Hegmann, 2020: 2). Großstädte seien stärker als ländliche Räume von der Pandemie betroffen – so die Einschätzung vieler Autoren (Reicher, 2020; Tietz, 2020). Die Journalistin Laura Weißmüller bestätigt dies: Das Corona-Virus trifft die Städte härter als das Land. Sie spricht von der „Kehrseite der Urbanisierung“ (Weißmüller, 2020) und beschreibt, wie die Pandemie alles, was unsere Metropolen lebenswert und erfolgreich macht, nahezu in ein Horrorszenario verwandelt.

Aber ist die physische Dichte tatsächlich das Problem? Zu Beginn der COVID-19-Pandemie traten die höchsten einwohnergewichteten Fallzahlen etwa nicht in Großstädten, sondern in Hotspots von Kleinstädten und Landgemeinden auf. Zwischen Februar und Mitte August 2020 lagen die durchschnittlichen COVID-19-Fallzahlen je 100.000 Einwohner im städtischen Raum nur leicht höher als im ländlichen Raum (Dosch und Haury, 2020: 71). Denn bis Mitte Mai hatten Großstädte keine entsprechenden Großstadtfunktionen mehr: weniger ÖV, ein reduziertes Verkehrsaufkommen, geschlossene Universitäten und keine Großveranstaltungen.

Mit der Urlaubszeit stieg dann auch die Reiseaktivität wieder. So wies der städtische Raum im Sommer 2020 doppelt so hohe Fallzahlen wie der ländliche Raum (ebd.: 71). Von September bis Anfang Oktober lagen die Fallzahlen in Großstädten sogar dreimal höher als in dünn besiedelten ländlichen Kreisen, was teilweise auch an höheren Infektionszahlen unter jüngeren Personen lag (ebd.: 71). Im Oktober und November 2020 verkleinerten sich die Unterschiede Stadt-Land wieder (ebd.: 71). Insgesamt lassen sich keine aussagekräftigen Belege für signifikante Unterschiede in der Betroffenheit von Stadt und Land finden.

Städtische Dichte ist somit nicht der alleinige Faktor für überdurchschnittliche Infektionszahlen, vielmehr scheinen andere Faktoren wichtig zu sein – etwa die Altersstruktur der Bevölkerung und der Anteil an soziostrukturell benachteiligen Bevölkerungsgruppen (Blätgen und Milbert, 2020: 43). Die Folgen der Corona-Krise werden umso stärker ins Gewicht fallen, je schwächer die betroffenen Städte und gesellschaftlichen Gruppen bereits im Vorfeld der Krise aufgestellt waren. „Insofern hebt die Corona-Pandemie die Stärken und Schwächen gesellschaftlicher Strukturen mit einer Luppe hervor“ (Jakubowski, 2020: 25).

Die Corona-Pandemie verstärkt soziale Ungleichheiten. Das betrifft nicht nur das Einkommen, sondern auch die Möglichkeiten auf Naherholung und die Wohnverhältnisse (Adam und Klemme, 2020: 11). Einkommensschwache Bevölkerungsgruppen litten und leiden deutlich stärker unter der Krise als andere. Dies liegt unter anderem daran, dass Einkommensniveau und Wohnsituation häufig eng miteinander korrelieren (Jakubowski, 2020: 25). Der Fall Göttingen zeigt, dass beengte Wohnverhältnisse zu einer lokalen Häufung von Corona-Infektionen führen können. Hier hatten sich etwa 120 Personen in einem Hochhaus mit dem Corona-Virus infiziert (Zeit Online, 2020).

„Die Corona-Pandemie hat eine soziale Zweiteilung unserer Gesellschaft verdeutlicht: in eine Gruppe der Bevölkerung, die über eine private Grünfläche verfügt, und eine Gruppe, die mehr denn je auf öffentliche Freiräume angewiesen ist“ (Reicher, 2020: 52). Die Forderung nach Umweltgerechtigkeit, also nach dem gleichberechtigten Zugang zu Räumen, wird lauter: „wer Zugang zu privatem Freiraum hat, ist in der Zeit der Pandemie sicherer vor Infektionen, bzw. wer dies nicht hat, muss sich einem erhöhten Infektionsrisiko aussetzen“ (Hennecke, 2020).

Im Grunde genommen war diese Forderung auch vor der Corona-Pandemie bereits sehr relevant, sie hat aber durch die Pandemie eine verstärkte Bedeutung erfahren. Eine repräsentative Umfrage zeigt, dass grüne Räume in der Stadt insbesondere bei jüngeren Menschen unter 30 Jahren sowie Eltern von Kindern unter zehn Jahren an Bedeutung gewonnen haben (BGL, 2020). Knapp die Hälfte der Befragten hält städtische Grünanlagen seit der Corona-Krise für wichtiger, mehr als jeder Vierte sucht diese seither häufiger auf (ebd.).

Diese Entwicklungen bringen bestehende Problematiken stärker auf die Tageordnung. Grünflächen müssen vorhanden sein, und das sind die in Stadträumen meist höchst unterschiedlich. Das belegen Satellitendaten und die daraus abgeleitete Grünausstattung einzelner Städte (BBSR, 2018). In Berliner Stadtbezirken ist die innerstädtische Grünausstattung zum Beispiel vergleichsweise gering.

Die Gesellschaft muss sich erneut die Frage stellen, wie viel Dichte unsere Städte vertragen. „Innenentwicklung muss stets doppelt gedacht werden – im Sinne einer baulichen und zugleich einer grünen Entwicklung“ (Difu, 2017). Ansätze wie die der doppelten Innenentwicklung sind wichtiger denn je, da sie Freiräume schaffen und erhalten.

Autorin: Tania Gianneli

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