Der Verkehr von morgen ist nicht nur elektrisch oder automatisiert – er ist vor allem datengetrieben. Und er braucht Werkzeuge, die komplexe Systeme in Echtzeit begreifen, bewerten und steuern können. Künstliche Intelligenz ist eines dieser Werkzeuge. Jetzt ist die Zeit, es in die Hand zu nehmen.
Montagmorgen, kurz nach halb acht. In einer mittelgroßen Stadt blickt die Verkehrsleitstelle auf ihre Monitore: dichter Rückstau auf dem Zubringer in die Innenstadt, ein Unfall meldet sich über das System, die Ampelsteuerung reagiert träge. Zeitgleich trifft in der nationalen Verkehrszentrale eine Störungsmeldung vom stadtnahen Autobahnabschnitt ein – auch dort zeichnet sich ein weiterer Engpass ab. Die beiden Situationen scheinen unabhängig voneinander, doch sie sind Teil eines systemischen Problems: Verkehrsflüsse werden noch immer überwiegend reaktiv gesteuert – mit starren Regeln, auf Basis von Erfahrungswerten, oft mit Zeitverzögerung. Doch es tut sich etwas. Verkehrsflüsse werden zunehmend nicht nur beobachtet, sondern verstanden – und zwar von Systemen, die lernen können.
Künstliche Intelligenz (KI) verspricht, diesen Wandel zu beschleunigen. Von starren Regeln zu lernenden Systemen, von einem Management «nach dem Stau» hin zu einer proaktiven, vorausschauenden Steuerung des gesamten Verkehrsnetzes – lokal wie überregional. Dabei ist KI nicht einfach nur ein neues IT-System – sie ist ein Paradigmenwechsel. Statt vergangenheitsorientierter Modelle, die mit festen Schwellenwerten und Regelwerken arbeiten, analysiert KI große Mengen heterogener Daten in Echtzeit. Sie erkennt Muster, bevor sie sich in Rückstaus verwandeln. Sie prognostiziert kritische Verkehrslagen nicht erst, wenn sie sichtbar werden, sondern sobald die Bedingungen dafür erkennbar sind. Und sie ist in der Lage, komplexe Zusammenhänge zu erfassen – etwa, wie sich eine Baustelle auf der Autobahn zeitversetzt auf die Lichtsignalsteuerung in einer städtischen Zubringerstraße auswirkt. [1, 2, 3, 4]
Zahlreiche Städte weltweit demonstrieren bereits heute das Potenzial KI-gestützter Ampelsysteme. In urbanen Verkehrsräumen, von Singapur über Los Angeles bis Amsterdam, kommen adaptive Steuerungslösungen zum Einsatz, die historische Belastungsdaten, Echtzeit-Verkehrszählungen, Wetterprognosen und aktuelle Baustelleninformationen integrieren. Anders als klassische, regelbasierte Steuerungen arbeiten diese Systeme dynamisch: Sie passen Ampelphasen kontinuierlich an das tatsächliche Verkehrsgeschehen an, statt festen Zeitplänen zu folgen. Die Resultate sind vielerorts ähnlich – spürbare. Reduktionen der Stauzeiten, verbesserter Verkehrsfluss insbesondere auf Nebenachsen sowie eine messbare Verbesserung der Luftqualität durch weniger Stop-and-Go-Verkehr und effizientere Fahrabläufe. Solche Beispiele zeigen, dass der Einsatz von KI nicht nur technisch möglich, sondern auch praktisch wirksam und skalierbar ist – gerade in Metropolräumen mit hohem Verkehrsaufkommen und komplexer Infrastruktur. [5, 6]
Auch im übergeordneten Autobahnnetz leisten KI-basierte Systeme einen wichtigen Beitrag zur Verkehrsoptimierung. Moderne Deep-Learning-Modelle sind in der Lage, Engpässe und Staus mit einer Vorlaufzeit von bis zu 60 Minuten präzise zu prognostizieren und dadurch mit ausreichendem Vorlauf gezielte Gegenmaßnahmen wie Umleitungen, Temporeduzierungen oder die Anpassung der Infrastruktur einzuleiten. Diese proaktiven Eingriffe reduzieren das Risiko von Stauentstehungen erheblich und ermöglichen eine schnellere und präzisere Reaktion als herkömmliche, reaktive Verkehrssteuerungsverfahren. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass fortschrittliche KI-gestützte Prognoseverfahren im Bereich des Verkehrswesens das Verkehrsmanagement deutlich effizienter und adaptiver gestalten können. [7, 8, 9]
Natürlich ist Künstliche Intelligenz kein Allheilmittel. Ihre Wirksamkeit hängt maßgeblich von der Qualität und Verfügbarkeit der zugrunde liegenden Daten ab. Sie braucht eine Infrastruktur, die aktuelle Informationen in hoher Auflösung und Frequenz liefert – von Verkehrssensoren über Wetterdaten bis hin zu Baustellenmeldungen. Ebenso stellt die sogenannte «Black-Box-Problematik» eine Herausforderung dar: Viele KI-Systeme treffen Entscheidungen auf Basis hochkomplexer interner Berechnungen, deren Nachvollziehbarkeit für menschliche Nutzer begrenzt ist. Dies kann das Vertrauen in die Technologie schwächen, insbesondere bei sicherheitskritischen Anwendungen. [10, 11]
Ein weiteres Hindernis liegt in der oftmals veralteten Infrastruktur. Viele Ampelanlagen, Verkehrserfassungsgeräte oder Netzwerke stammen aus einer Zeit, in der Digitalisierung noch kein Thema war. Sie liefern bestenfalls punktuelle Daten – zu wenig, um KI-Systeme zu füttern. Zudem fehlt es häufig an standardisierten Schnittstellen, die eine Integration in bestehende Leitstellen oder Systeme der verschiedenen Verwaltungsebenen – von der Stadt über die Länder bis zum Bund – ermöglichen würden. Und dennoch – der Nutzen ist unübersehbar. KI-basierte Verkehrsmanagementsysteme verbessern nicht nur den Verkehrsfluss und reduzieren Emissionen – sie schaffen vor allem Entscheidungsgrundlagen für Maßnahmen, die bisher nur reaktiv oder auf Basis von Schätzungen erfolgen konnten. Sie ermöglichen die Koordination zwischen städtischem und überregionalem Netz, erkennen Wechselwirkungen und machen diese steuerbar.
Damit KI ihr Potenzial entfalten kann, braucht es Mut zur Investition, aber auch zur Öffnung. Sensorik muss ausgebaut, Datenplattformen geschaffen, Verantwortlichkeiten geklärt und Pilotprojekte ermöglicht werden. Vor allem aber braucht es ein Umdenken: Verkehrsplanung und -management dürfen nicht länger getrennt von Datenanalyse und KI-Entwicklung betrachtet werden. Vielmehr sollten Verkehrsbehörden, IT-Abteilungen und Planungsstellen gemeinsam an Lösungen arbeiten – mit klarer Zielsetzung, aber auch mit Raum für Erprobung.
Denn eines ist klar: Der Verkehr von morgen ist nicht nur elektrisch oder automatisiert – er ist vor allem datengetrieben. Und er braucht Werkzeuge, die komplexe Systeme in Echtzeit begreifen, bewerten und steuern können. Künstliche Intelligenz ist eines dieser Werkzeuge. Jetzt ist die Zeit, es in die Hand zu nehmen.
Autor: Erik Schaarschmidt
Literatur:
- https://www.centouris.de/fileadmin/centouris/Centouris_Studien/CENTOURIS-Studie_KI_im_Mobilitaetssektor.pdf
- https://www.ptvgroup.com/de/anwendungsfaelle/kuenstliche-intelligenz-verkehrswesen
- https://evoluce.de/verkehrsanalyse/
- https://www.ki.nrw/kuenstliche-intelligenz-fuer-die-verkehrsflusssteuerung-der-zukunft/
- https://www.springerprofessional.de/verkehrsmanagement/kuenstliche-intelligenz/ampelanlagen-mithilfe-von-ki-intelligent-steuern/20087528
- https://www.iosb-ina.fraunhofer.de/de/aktuelles_news/2022/KI4LSA-Projektabschluss.html
- https://opus.lib.uts.edu.au/bitstream/10453/176229/2/2022_Aug_LR_DL_for_traffic_congestion_prediction_SimonaMihaita_revised.pdf
- https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1389128620311567
- https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1361920925002561
- https://blog.iao.fraunhofer.de/erklaerbare-ki-das-geheimnis-der-blackbox-lueften/
- https://www.computerweekly.com/de/definition/Black-Box-KI






