Homeoffice und Implikationen für die Stadtentwicklung und Mobilität

Was bedeutet eine vermehrte Tätigkeit im Homeoffice für die Stadtentwicklung und Mobilität?


In dem Planungsdiskurs wird seit Jahrzehnten diskutiert, in welchem Umfang physische Ortsveränderungen durch Informations- und Kommunikationstechnologien ersetzt werden können (BMVI, 2020). Wenngleich das Homeoffice keine neue Erfindung ist, so hat diese Arbeitsform durch die Pandemie eine zentrale Relevanz erhalten (Alipour et al., 2020). Laut der Panelstudie Mobilität in Krisenzeiten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) gingen in der ersten Phase des Shutdowns im April 2020 32 Prozent der Berufstätigen ihrer Tätigkeit ganz oder teilweise im Homeoffice nach (DLR, 2020). Der Anteil der Berufstätigen, die immer oder teilweise im Homeoffice arbeiten, ist von 32 Prozent im April 2020 auf 38 Prozent im Sommer 2020 und schließlich 40 Prozent im Herbst 2020 angestiegen (ebd.).

Der verstärkte Einsatz von Homeoffice während der Corona-Pandemie und ein Umdenken in den Unternehmen deuten auf einen erkennbaren Trend in Richtung Homeoffice hin (Fraunhofer IAO, 2020; DLR, 2020; bitkom, 2020). In einer aktuellen Befragung des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO gaben 42 Prozent der befragten Unternehmen an, perspektivisch das Angebot an Homeoffice aktiv für ihre Beschäftigten ausweiten zu wollen (Fraunhofer IAO, 2020). Eine Befragung von Personalleitungen durch das ifo-Institut für Wirtschaftsforschung (ifo, 2020) zeigt, dass 73 Prozent der Unternehmen, die während der Pandemie auf das Arbeiten von zu Hause setzten, auch in Zukunft mehr Möglichkeiten anbieten wollen.

Durch das vermehrte Arbeiten im Homeoffice und die Nutzung der Videotelefonie lassen sich lange Anreisen vermeiden. Im Bereich des täglichen Pendlerverkehrs hat Homeoffice das Potenzial, die Verkehrssysteme zu entlasten, etwa durch die Reduktion von punktuellen Verkehrsspitzen. Es besteht außerdem die Möglichkeit, den direkten Energieverbrauch insbesondere durch eine Reduzierung des Pendelverkehrs, aber auch von Büroflächen und den damit verbundenen Energiekosten, zu senken (siehe Perch-Nielsen et al., 2014).

Eine aktuelle Studie des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung im Auftrag von Greenpeace (Greenpeace, 2020) schätzt für Deutschland die möglichen CO2e -Einsparungen bei einer erhöhten Nutzungsintensität von Homeoffice ab. Dabei werden zwei Szenarien zugrunde gelegt, eines mit einem Homeoffice-Anteil von 25 Prozent und eines mit einem Anteil von 40 Prozent der Beschäftigten. Beide Szenarien unterscheiden zwischen einem und zwei zusätzlichen Homeoffice-Tagen pro Woche. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass je nach Variante zwischen 1,6 und 5,4 Millionen Tonnen CO2e durch den Wegfall von Pendelfahrten im Umfang von 10,9 bis 35,9 Milliarden Personenkilometern pro Jahr eingespart werden könnten. Dies entspricht in der obersten Variante einem Rückgang der Emissionen aus dem Pendelverkehr um 18 Prozent, in der untersten Variante werden immerhin noch etwa fünf Prozent weniger Emission im Pendelverkehr erzeugt (Bonin et al., 2020).

Diesen Potenzialen des mobilen Arbeitens stehen auch Risiken gegenüber. Langfristig könnte die zunehmende Nutzung des Homeoffice zu einer veränderten Wohnort- oder Arbeitsplatzwahl führen, bei der größere Entfernungen in Kauf genommen werden. Dadurch könnten die Gewinne bei der Personenverkehrsleistung wieder verlorengehen (BMVI, 2020). Dabei müssen auch die langfristigen Auswirkungen des Homeoffice auf Wohnort- und Arbeitsplatzpräferenzen betrachtet werden.

Das omnipräsente Thema des Homeoffice bringt auch Implikationen für die Stadtentwicklung mit sich. Kurzfristig wird eine verstärkte Nutzung von Homeoffice vor allem innerhalb der Großstädte und deren direktem Umland seine Wirkungen entfalten. Der Trend zur Reduzierung der Wohnfläche pro Kopf, die in den deutschen Großstädten in den letzten Jahren verzeichnet wurde, steht im Widerspruch zum Homeoffice (Adam und Klemme, 2020: 13). Die Wohnungsgröße wird bei der Wohnungssuche eine immer größere Bedeutung beigemessen. Die Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt wird sich daher verschärfen, da der Flächenbedarf in der Wohnung weiter steigern wird.

Gleichzeitig wird die Büronachfrage mittel- bis langfristig beeinträchtigt, wie eine neue Hochrechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt. Für Berlin zum Beispiel wird ein Rückgang der Büromieten um 20 Prozent prognostiziert (Voigtländer, 2020). Der tendenziell sinkende Bedarf an Büroflächen kann einen enormen Veränderungsschub mit sich bringen. Die Umwandlung von Bürogebäuden und Gewerbebauten zu Wohnraum, die in der Praxis bisher nur sehr zögerlich vorankam (vgl. BBSR, 2017), dürfte in den kommenden Jahren einen starken Aufschwung erfahren. Diese Entwicklung kann einen entscheidenden Beitrag zur Entlastung von angespannten Wohnungsmärkten und zur „Reurbanisierung der Innenstadt“ (vgl. BMVBS, 2010) beitragen.

Durch die Verlagerung der Arbeit nach Hause wird die räumliche Trennung von Wohn- und Arbeitsort zumindest teilweise überwindet. Dadurch könnte das Umland der Ballungszentren als Wohnort an Attraktivität gewinnen. Bereits in den vergangenen Jahren hatte das Umland der Städte gegenüber den Metropolen an Bedeutung gewonnen (vgl. OECD, 2019). „Neuere Studien zur Entwicklung innerhalb der Großstadtregionen belegen, dass die Bedeutung der Mittelstädte als Wohnstandorte zunimmt“ (Eltges, 2019: 2). Diese Entwicklung hat sich durch Corona-Pandemie weiter verstärkt.

Zugleich nimmt das Umlandradius zu. Ländliche Regionen im weiteren Umland von Metropolen können einen höheren Stellenwert erlangen. Eine Datenanalyse von Immobilienscout24 zeigt, dass seit Mitte März 2020 die Nachfrage nach Häusern im ländlichen Raum kontinuierlich ansteigt. Besonders stark sind davon Ferienregionen profitiert (Schönball, 2020). Auch für periphere und/oder strukturschwache Städte eröffnen sich neue Chancen. Mobile Arbeit und Konzepte wie beispielsweise Co­Working­-Spaces können das Arbeitsleben flexibilisieren und die Distanzen im ländlichen Raum verkleinern (BMEL, 2020). Eine wichtige Vorrausetzung hierfür ist eine gut funktionierende digitale Infrastruktur. Derzeit ist ungewiss, welche Auswirkungen der bereits heute erkennbare Trend in Richtung Homeoffice auf die langfristige Entwicklung von Städten haben wird. Mit Blick auf den Klimawandel und die Notwendigkeit, den Ausstoß der Treibhausgase bis 2050 auf null zu reduzieren, eröffnet sich die Chance, die Auswirkungen der Pandemie auf Stadtentwicklung und Mobilität im Kontext bestehender Herausforderungen zu betrachten. Es gilt, die aktuelle Krise als Gelegenheit zu nutzen, um Entwicklungs- und Planungsprozesse ganzheitlich zu gestalten und konkrete Maßnahmen umzusetzen. Denn nur eine integrierte Stadtentwicklung macht Städte krisenfester und lebenswerter.

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